Hallo


SwenIch bin Swen. Wann ich geboren wurde weiß ich nicht mehr. Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Ort in der Nähe des Flusses Ems. Die Ems war in diesem Bereich von der Nordsee aus befahrbar und somit auch Ziel von Wikingerüberfällen. Da das Dorf nicht direkt an der Ems lag, hatten wir immer ein wenig Zeit bevor die Wikinger uns erreichen konnten. Da jede Verteidigungsarmee grundsätzlich erst zur Hilfe gekommen ist, wenn die Wikinger schon wieder auf ihren Schiffen waren und das Dorf sich nicht selber verteidigen konnte, flohen die wir in das nahe gelegene Moor. Die Wege waren nur den Einheimischen bekannt und die Wikinger haben es nur ein mal versucht uns zu folgen.

In einem Sommer war es anders. Anstatt wie sonst zuerst die nah am Fluss gelegenen Gehöfte und Dörfer zu plündern marschierten sie weiter ins Hinterland. Auf diese Weise wurden wir nicht durch Rauchschwaden oder Flüchtlinge gewarnt. Die Wikinger erreichten uns völlig unvorbereitet. Für eine Flucht war es zu spät und jeglicher Widerstand wurde schnell zerschlagen. Das Dorf wurde geplündert und niedergebrannt. Die wenigen Überlebenden, unter anderem auch ich, wurden zusammengekettet und zu den Wikingerschiffen getrieben. Das letzte was ich von meinem Geburtsort gesehen habe war eine Rauchsäule über dem Wald.

Die Schiffe brachten uns zum Lager der Wikinger auf einer Insel vor der Küste. Da es schon Spätsommer war segelten die Schiffe wenige Tage später weiter. Wie lange die Reise auf den Schiffen dauerte kann ich nicht mehr sagen. Ich war der Sonne, dem Wind und dem Regen auf dem offenen Schiff hilflos ausgesetzt. Die Reise führte an der Küste entlang und dann auf einem Fluss landeinwärts. Als der Fluss nicht mehr befahrbar war, ging es zu Fuss weiter. Nach mehreren Tagesmärschen erreichten wir den Handelsplatz Haithabu. Schon einen Tag nach der Ankunft wurden wir auf dem Markt als Sklaven zum Verkauf angeboten. Ich wurde aufgrund meines großen Wuchses noch am selben Tag an einen Händler verkauft. Mein neuer Herr verbrachte noch eine Woche auf dem Handelsplatz, ehe er in seine Heimat aufbrach. Die Reise ging wieder über das Meer und dann einen Fluss landeinwärts. Der Händler hielt an jeder Ansiedlung, die an dem Fluss lag. Ich wurde nach etwa zwei Wochen in einer kleinen Ansiedlung weiterverkauft.

Meine neue Heimat hieß nun Elinge. Der Ort war nicht groß und lebte von Viehhaltung und Landwirtschaft an den kleinen Wiesen in der Nähe des Flusses. Das Leben war hart, die Winter waren lang. Oft lag noch bis zum April Schnee. Die Ernte im kurzen Sommer war nicht gerade üppig. Die Wiesen waren klein und gespickt mit Steinen. Der kleine Heuvorrat, der im Sommer angelegt wurde, reichte nicht um das Vieh über den Winter zu bringen, so dass ein Teil der Herde im Herbst geschlachtet werden musste. Im Winter, wenn keine Landwirtschaft mehr möglich war, wurde im Wald Holz geschlagen. Auf dem gefrorenen Boden konnte das Holz leichter transportiert werden als im Sommer. Außerdem verbrachten wir viel Zeit mit Eisangeln. Der Fisch war im Winter teilweise das Hauptnahrungsmittel. Wenn das Wetter auch dazu zu schlecht wurde, blieb nichts anderes als im Langhaus die Tage abzuwarten. Da ich mich beim Schnitzen geschickt anstellte, durfte ich in dieser Zeit mit einem Messer Dinge des alltäglichen Gebrauchs wie Schüsseln oder Löffeln schnitzen. Der Frühling war traditionell die Zeit zu reisen. Das Wetter war bereits warm genug um sich länger draußen aufzuhalten und es drohten auch keine Winterstürme mehr, die Flüsse waren aber noch zugefroren. Die zugefrorenen Flüsse waren oft die einzigen Verbindungen zwischen den Ortschaften. Durch den Wald gab es höchstens schmale Pfade. Die Flüsse wurden mit Schlitten und Schlittschuhen befahren. In diese Zeit fiel auch das jährliche Allthing. Das Thing ist eine Versammlung aller freien Wikinger. Während des Things wurden keine Waffen getragen. Hier wurden Gesetze erlassen, Streit geschlichtet und Gemeinschaftsaktionen, wie z.B. die Wiking-fahrten für das nächste Jahr geplant. Im Anschluss an das Thing fand immer ein großer Mark statt. Dort konnten Dinge erworben werden, die im eigenem Ort nicht hergestellt werden konnten. Wir hatten zwar einen Schmied im Dorf, aber niemanden, der in der Lage war Bronze zu gießen, so dass Schmuckstücke aus Bronze von außerhalb eingekauft werden mussten.

Nachdem ich fünf Jahre in dem Ort Elinge verbracht hatte, kam es im Sommer zu einem Viehsterben. Fast die gesamte Herde war eingegangen, so dass ich auf dem kommenden Frühlingsmarkt verkauft wurde, um neues Vieh zu kaufen. Ein Händler namens Rolo kaufte mich und nahm mich mit auf seiner Reise den Fluss entlang zum Meer. Er kaufte wo immer er konnte Felle, bis die Bootsladung voll war. Auf dem Meer ging die Reise weiter Richtung Osten. An den Handelsplätzen und Ortschaften an der Küste wurde noch Bernstein eingekauft. Durch den Golf von Finnland und den Lagodasee erreichten wir die Stadt Adleigjuborg. Die Stadt liegt am der Mündung des Flusses Wolchow. Hier blieben wir einige Wochen, um den Geschichten und Gerüchten über die russischen Flüsse zu lauschen. Die slawischen Völker waren ruhig und es gab in der letzten Zeit keine Überfälle auf Wikingerhändler. Wir schlossen uns mit mehreren anderen Schiffen zusammen und machten uns auf den Weg nach Byzanz. Ein Handelsschiff kann zwar mit nur sechs Mann gesegelt oder manövriert werden, aber auf dem Weg musste das Schiff mehrfach über Land gezogen werden, was mit mehr Männern einfach leichter geht. Das Transportieren des Schiffes wurde notwendig, wenn die Flüsse aufgrund von Stromschnellen nicht mehr befahrbar waren. Zuerst fuhren wir die Wolchow hinauf ins Landesinnere. An der Wasserscheide wurde das Boot zur Dnjepr gezogen. Da hier häufig Überfälle stattfanden, wurden Wachen aufgestellt. Es passierte aber nichts. Nach mehreren ereignislosen Wochen erreichten wir das Schwarze Meer und dann Byzanz.

Die Angst der Griechen vor den Wikingern war so groß, dass sich immer nur 50 unbewaffnete Wikinger gleichzeitig zum Handeln in der Stadt aufhalten durften. Die Felle und der Bernstein wurden gegen Seide und Silber eingetauscht. Da mein Herr die Angewohnheit hatte alles zu vergessen, war es meine Hauptaufgabe ihn zu begleiten und ihn daran zu erinnern, was er besorgen wollte und aufzupassen, das er nichts vergaß. Die Geschäfte liefen gut und mein Herr Rolo machte reichen Gewinn.

Als alle Handel in Byzanz abgeschlossen waren, machten wir uns auf den Heimweg. Die Reise verlief zunächst ohne Zwischenfälle. Das machte die Händler leichtsinnig. Nach dem wir die letzte Schleppstelle überwunden hatten wurde ein kleines Fest veranstalte, da der schwerste Teil der Reise überstanden war. Die Reise war von diesem Punkt aus nicht mehr gefährlich. Da auch die Wachen zuviel Met getrunken hatten, waren sie nicht achtsam genug. Das Lager wurde in der Nacht von einer Gruppe der dort lebenden Slawen überfallen. Sie fielen über die ahnungslosen Wikinger her und metzelten sie nieder. Ich konnte mich im Wald verstecken. Als die Räuber ihre ganze Aufmerksamkeit brauchten um die letzten Überlebenden Wikinger zu erschlagen, die sich mittlerweile wieder gefasst hatten und erbitterten Widerstand leisteten, suchte ich meinen Herren. Er lag niedergestreckt in der Nähe meines Verstecks. Als ich zu ihm kam, bemerkte ich, dass er noch am Leben war. Seine Felsmütze hatte den Kopf geschützt, so dass er nur bewußtlos war. Ich schleppte ihn zum Schiff. Dort fand ich noch zwei weitere Besatzungsmitglieder, die sich aufs Schiff zurückgezogen hatten, da sie soviel Met getrunken hatten, das sie sich mit ihren Schwertern fast selbst umgebracht hätten. Gemeinsam schafften wir es, das Boot auf die Mitte des Flusses zu steuern. Die Räuber hatten mittlerweile die restlichen Wikinger niedergemacht und sich nun den Schiffen zugewandt. Wir hatten gerade noch rechtzeitig abgelegt. Die Räuber konnten uns nicht folgen, da sie es nicht verstanden, die Schiffe zu manövrieren. Von den anderen Mitgliedern unserer Gruppe habe ich nie wieder etwas gehört.

Mein Herr erholte sich schnell von seinen Verletzungen. Wieder in Aldeigjuborg wurden neue Seeleute angeworben, um die Heimfahrt nach Schweden anzutreten. Die weitere Reise verlief ohne Zwischenfälle und kam nun endlich nach drei Jahren zum Ende.

Am kommenden Julfest hat mir mein Herr die Freiheit geschenkt, da ich sowohl ihn als auch seinen Besitz gerettet habe. Die Familien der Wikinger, die den Überfall in Russland nicht üerlebt hatten, erhielten den ausgemachten Anteil am Gewinn. Auch ich bekam einen kleinen Anteil, als Startgeld für mein neues Leben. Mein ehemaliger Herr Rolo bot mir an den Winter bei ihm und seiner Familie zu verbringen und ihn im nächsten Jahr wieder auf seinen Reisen zu begleiten. Das Angebot nahm ich gerne an und so wurde ich in die Sippe Rammloesa aufgenommen. Im Winter unterrichtete mich mein ehemaliger Herr im Umgang mit Waffen .

Im folgenden Jahr schlossen wir uns einem Raubzug nach England an. Wir hatten kein Interesse daran noch einmal nach Byzanz zu reisen. Der Raubzug verlief gut, wir kamen im Spätsommer wieder unbeschadet in der Heimat an. Ich konnte meine Ausrüstung in England vervollständigen und hatte bei der Reise genug Gewinn gemacht um einen eigenen Hof zu gründen.

Ich bin bei Rolo geblieben und die Handelsreisen sichern mir ein gutes Einkommen. Die Winter verbringe ich noch wie früher mit Schnitzen. Während meiner Reisen im Sommer kümmern sich meine Frau und mein Hund Meggie, die Drachentöterin, um den heimische Hof. Mein Wohlstand ist mittlerweile so groß, das ich mir von der Diesjährigen Handelsfahrt einen eigenen Sklaven mitgebracht habe.

Ich habe viele Handelsplätze gesehen und bin heute auf diesem Treffen, so dass ich dir meine Geschichte erzählen kann, ich hoffe ich habe dich nicht gelangweilt. Wenn du noch etwas Zeit hast, kann ich dir noch ein paar Dinge zeigen, die ich im Winter geschnitzt habe.

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